WM hat geschrieben:Bitte weiter so. Leider haben einige (wenige) Deiner
Diskussionspartner hier keine gute Erziehung bzw. müssen ihr Tourette-
Syndrom ausleben. Das nervt, aber es sollte nicht zur Resignation
führen. Fast alle Mathematiker haben irgendwann im Studium einmal,
möglicherweise sofort, geschluckt, dass die Menge der natürlichen
Zahlen unendlich ist und *vollständig* existiert, obwohl jede
natürlich Zahl endlich ist. (Habe ich auch einmal geglaubt.) Aber das
führt zu Cantors "vollendeter Unendlichkeit", was eigentlich
aufhorchen lassen sollte.
Bitte lasse Dir nicht den Eindruck eintrichtern, dass alle
Mathematiker davon überzeugt wären. Diese Partei schreit am lautesten
- sonst nichts. Dein Ansatz war zwar noch etwas
verbesserungsbedürftig, aber Du hast das richtige Gespür.
Das Konzept der "vollendeten Unendlichkeit" (ohne den das
Diagonalargument notwendig versagt, weil Cantors "Liste" nie
vollständig wäre) führt nämlich nicht nur auf diesen verbalen
Selbstwiderspruch, sondern auf viele andere. Nur ein Beispiel: Eine
Folge von rationalen Zahlen, die durch Einsen in der einfachen Form
0,1; 0,11; 0,111; ... (*)
realisiert werden, enthält nicht ihren Grenzwert
0,111... = SUM{n in N} 10^-n, (**)
denn, so werden Dich die Cantorianer belehren, jede Zahl aus (*)
besitzt eine letzte 1 an einer natürlich indizierten Stelle, die Zahl
(**) aber nicht.
Diese Behauptung ist natürlich falsch, denn die Summe (**) enthält ja
nichts anderes als Einsen an allen endlichen Indizes. Diese sind
offenbar in der Folge (*) auch enthalten. Sonst würde dort etwas
fehlen.
Den obigen Satz könnte man, ohne seinen Sinn zu verändern, auch etwas
anders ausdrücken:
Jede Zahl aus (*) besitzt eine letzte 1 an einer natürlich indizierten
Stelle, die Zahl (**) aber besitzt eine letzte 1 an einer unnatürlich
indizierten Stelle. Damit würde seine Sinnlosigkeit offenbar. Die
Abwesenheit von (**) in (*) ist aber zwingend notwendig für das
Diagonalargument. Andernfalls bricht es zusammen.
Doch das ist nur ein unwichtiges Detail. Selbst wenn das
Diagonalargument richtig *wäre*, so wäre die von Cantor gegebene und
von seinen Eleven kritiklos übernommene Interpretation doch falsch.
Die Nichtexistenz der Diagonalzahl in der Liste hat nichts mit
Überabzählbarkeit zu tun, sondern ist ein logisches Paradoxon wie die
Menge, die alle jene Zahlen enthält, die sie nicht enthält.
Die Menge aller konstruierbaren oder individuell definierbaren
Diagonalzahlen ist sicher abzählbar. (Hier greift Dein Argument mit
der Anzahl endlicher Wörter über einem endlichen Alphabet.) Trotzdem
kann diese abzählbare Menge nicht in Form einer Folge geschrieben
werden, denn sie enthält nicht die Diagonalzahl dieser Folge. Also ist
diese abzählbare Menge nicht abzählbar, oder besser: Das Konzept der
Abzählbarkeit ist widersprüchlich.
Doch auch dies ist nicht wirklich wichtig. Wirklich wichtig ist die
Nichtexistenz der "meisten" reellen Zahlen (wenn wir für einen Moment
an die Existenz der überabzählbaren Menge |R glauben wollen.) Alle
Definitionen und alle Namen von Zahlen sind endlich und bilden
folglich eine abzählbare Menge. Also lassen sich die meisten reellen
Zahlen überhaupt nicht individuell bezeichnen, definieren, verwenden,
natürlich auch nicht in Cantor-Listen, aber nirgendwo sonst, außer mit
Hilfe der Vollmundigen Aussage: Ich nehme mal eben alle reellen Zahlen
her. Oder: Es gibt alle reellen Zahlen. Große Worte, nichts dahinter.
Die Cantorianer glauben also - und geben dies offen zu - an Zahlen,
die nicht bezeichnet werden können und damit in der Mathematik nichts
zu suchen haben. Dagegen sind die oben genannten kleinen Fehler nur
Peanuts!
Genaueres dazu findest Du unter
http://www.hs-augsburg.de/~mueckenh/P5%20Zusfass.doc
Bitte lasse Dich nur nicht entmutigen oder mit der allgemein
verbreiteten Matheologie infizieren!
Gruß, WM
Dass dieser Mensch seine "Weisheit" auch noch an einer Hochschule verbreiten darf, finde nicht nur ich einen Skandal. Lest es euch mal durch, wenn ihr etwas Zeit habt. Teilweise ist das wirklich haarsträubend...
